„Kannst Du nicht …?“ Der Wert der eigenen Arbeit

Hier ist eine Collage aus verschiedenen farbigen Schnipseln und Bildern zu sehen. Unter anderem kleben Schmetterlinge auf dem Bild. Die Schrift "Sei sanft zu Dir" ist zu lesen.

Ein Ziel von karmajob ist das Unterstützen von sozialen Initiativen und gemeinnützigen Vereinen. Ein weiteres ist eine Aufwertung ehrenamtlicher Arbeit durch das Finden von Finanzierungsmodellen. Während die erste Absicht, die ich mit meinen Vorhaben verfolge, sich den meisten Menschen intuitiv erschließt, erkläre ich das zweite Vorhaben gefühlt dreimal so oft. Warum denn ehrenamtliche Arbeit finanziell vergüten? Ist das dann noch Ehrenamt? Und ist das gute Gefühl, etwas für andere getan zu haben, nicht genug? Die Antwort ist „Ja, aber …“

Oft ist das Monetarisieren einer Arbeitsleistung die einzige sichtbare Wertschätzung, die wir erfahren. Unsere Vorstellung von Arbeit ist eng mit dem Lohn verknüpft, und unseren Erfolg bemessen wir an wachsenden Gehältern. So sind wir sozialisiert. Wir merken diese Sozialisation, wenn wir uns die ständige Bewertung unseres täglichen Umfelds einmal bewusst machen. So finden die meisten von uns, dass Menschen, die zuhause Kinder oder Eltern versorgen und vom Gehalt ihres Lebenspartners leben, nicht „arbeiten“, auch wenn sie den gesamten Tag objektiv beurteilt sehr viel arbeiten. Menschen, die ihren Ruhestand für die Nachmittagsbetreuung von Schulkindern, den Deutschunterricht für Geflüchtete oder die Hilfe in einer Suppenküche nutzen, „arbeiten“ nicht, auch wenn sie vielleicht sogar mehr Stunden arbeiten als in ihrem Berufsleben. Die hohe gesellschaftliche Relevanz der Arbeit (wie Haushalt, Pflege, Erziehung, Ehrenamt) steht in keinem Verhältnis zur Wertschätzung der Gesellschaft, und auch zu unserer persönlichen Wertschätzung. Alle diese Tätigkeiten erfahren eine Abwertung, sogar von denjenigen, die sie selbst ausüben. So bot neulich eine mehrfache Mutter auf einer Party an: „Ich kann Euch helfen, wenn Ihr mal Hilfe braucht. Ich arbeite nicht!“

Als ich wieder zuhause war, dachte ich verwirrt: „Wie, nicht „arbeiten“? Was für ein Blödsinn. Wieso habe ich nichts gesagt?“

Da unser Begriff von Arbeit so eng mit einer finanziellen Vergütung zusammenhängt, hat sich in den letzten Jahrzehnten eine unangenehme Vorstellung durchgesetzt: Die Vorstellung, dass etwas, das nichts kostet, eben auch nichts wert ist. Das ist beinahe schizophren in einer Welt, in der Gratisangebote an der Tagesordnung sind, und in der viele Unternehmen von freiberuflich Schaffenden kostenlose Proben ihrer Arbeiten erwarten. Auf der einen Seite wird also darauf spekuliert, dass sich Menschen unter Wert verkaufen; auf der anderen Seite wird ihre Arbeit damit von ihrem Umfeld als von eher geringem Wert eingeschätzt. Ein Spannungsverhältnis, vor allem wenn man es in Zusammenhang mit den vielen Aufgaben und Tätigkeiten setzt, die ohne jede finanzielle Vergütung ausgeübt werden.

Ich habe viel umsonst gearbeitet, nicht nur für soziale Initiativen, sondern auch für den Familien-, Bekannten- und Freundeskreis. Es hat mir in der Zeit, in der ich hauptsächlich für unsere Kinder und den Haushalt gesorgt habe, das Gefühl gegeben, über den heimischen Herd hinaus nützlich zu sein. Ich selbst hatte kaum Wertschätzung für meine eigene Arbeit zuhause, ich brauchte meine Projekte, meinen Lehrauftrag und die kostenlose zusätzliche Arbeit, die ich für andere machte, um mich in meinem Wert für die Gesellschaft zu bestätigen.

Heute denke ich, dass das vollkommen irre war. Nicht die Arbeit für andere, sondern die Überlegungen, die ich mit dieser Arbeit verband. Denn wie soll jemand anderes den Wert Deiner Arbeit erkennen, wenn Du sie nicht einmal selbst wertschätzt?

Eine Aufwertung aller nicht-vergüteten Tätigkeiten wie zum Beispiel der ehrenamtlichen Arbeit ist überfällig. Mit einem Arbeitsmodell, das bisher unvergütete Tätigkeiten durch Unternehmen querfinanziert, wäre ein entscheidender Schritt getan. Aber noch wichtiger ist, dass wir unsere eigenen Vorstellungen von Arbeit einer Prüfung unterziehen. Dass wir andere in ihrem Tun nicht abwerten, weil sie für ihre Arbeit kein Gehalt beziehen. Und, allem voran: Dass wir den Wert unserer Arbeit kennen und nach außen hin vertreten. Diese notwendige Positionierung bedeutet, Grenzen zu setzen. Gerade Menschen, die keine finanzielle Vergütung für ihre Tätigkeiten erhalten, fällt das Grenzen setzen schwer. Mich selbst eingeschlossen. Ein „Kannst Du nicht ..? Du arbeitest doch nicht!“ führte schnell dazu, dass ich sogar nachts und am Wochenende für andere Arbeiten erledigte. Ohne dafür Anerkennung zu erhalten, und ohne mich selbst dafür wertzuschätzen.

Unvergütete Arbeit ist für uns als Gemeinschaft sehr, sehr wichtig. Das sollten sich Menschen, die ohne Gehalt arbeiten, immer wieder ins Gedächtnis rufen. Und sie sollten ihre eigenen Grenzen wahrnehmen. Dazu gehören zwingend die Fragen: „Wann und für wen möchte ich kostenlos arbeiten? Und für wen nicht (mehr)?“ Denn nur wer den eigenen Wert kennt und vertritt, sorgt genug für sich selbst, um sich bei allem Engagement nicht zu vergessen. Aber das ist schon wieder ein Thema für einen anderen Blogbeitrag. 🙂

 

(Beitragsbild: Collage über das Element „Luft“. Nur wenn wir genug davon für uns selbst haben, können wir auch für andere wirken)

Ein Gedanke zu „„Kannst Du nicht …?“ Der Wert der eigenen Arbeit

  1. Sehr schön auf den Punkt gebracht. Ja, den Wert der eigenen Arbeit schätzen lernen, aber leider werden wir dabei oft von unserer Gesellschaft ausgebremst. Wer Langzeitarbeitslos ist wird per Sanktionen dazu genötigt, seine Arbeit unter Wert zu verkaufen.

    Aber auch die Idee von der Querfinanzierung der ehrenamtlichen Tätigkeiten durch Unternehmen ist zwar sehr schön, wird aber an der Realität unseres betriebswirtschaftlichen Mantras zerschellen, das den Unternehmen ja vorschreibt, jede Ressource mit minimalstem Kostenaufwand zu nutzen. Da muss man schon eine gewisse geistige und moralische Größe haben um als Unternehmer gegen den Strom zu schwimmen, sicher gibt es die, aber sie sind halt leider die Ausnahme und nicht die Regel. Was eben auch wieder unserem System geschuldet ist das ja genau das „Sparen“ um jeden Preis predigt.

    Am Ende kämpfen wir auch noch gegen das Gesetz der Wirtschaft von John Ruskin (siehe http://www.iposs.de/1/gesetz-der-wirtschaft/ ) das eben auch sagt, dass für alles was Du tust irgendwer da ist, der es ein klein wenig billiger, aber auch ein klein wenig schlechter tut. Das führt dann zwar zu defekten Produkten wie Routern mit gigantischen Sicherheitslücken oder abbrennenden Smartphones, aber egal, Hauptsache billig.

    Wie gerne würde ich in einer Gesellschaft leben in der der Einzelne sich nicht so sehr über seine bezahlte Arbeit definiert sondern über seinen Charakter, sein Wissen und sein soziales Engagement. Aber wie Brecht so schön sagte, „erst kommt das Fressen und dann die Moral“.

    Auf jeden Fall ist wichtig, dass wir uns unseres „Wertes“ (und damit meine ich nicht nur das Geld) bewusst sind und uns auch nicht beirren lassen, wenn irgendwer diesen Wert nicht zu sehen vermag.
    Oh, jetzt hab ich schon wieder einen langen Kommentar geschrieben, sorry, hatte keine Zeit für einen kürzeren. 😉

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