Perspektiven auf soziales Engagement, heute: Mohamed von „MediNetz“

Hier ist ein Bild der engagierten studentischen Gruppe "MediNetz Rhein-Neckar" zu sehen, das sie auf ihrem Initiativtag im Februar 2017 geschossen haben

Mohamed ist der erste Interviewpartner für meine Reihe, den ich über einen Zeitungsartikel kennen lernte. Die RNZ berichtete nämlich im Dezember über den angehenden Arzt, weil der Deutsch-Akademische Austauschdienst (DAAD) ihn für sein Engagement neben dem Studium ausgezeichnet hatte. Mohamed setzt sich bei MediNetz Rhein-Neckar e.V. ein. Dieser Verein vermittelt Menschen ohne Aufenthaltsstatus eine medizinische Versorgung. Über die Arbeit des Vereins, seine Motivation und über vieles mehr haben wir persönlich gesprochen. Ich bin von Mohamed ziemlich begeistert und fast sicher, Dir geht es nach diesem Interview genauso.

Mohamed, Deine bisherige Vita ist beeindruckend und sicherlich ein Grund, weshalb jemand auf Dich aufmerksam wird. Was mich jedoch mehr fasziniert als Dein biographischer Hintergrund ist Dein Engagement, das bereits Dein Studium begleitet. Erkläre mir doch bitte, was der Verein MediNetz macht.

MediNetz ist ein rein studentischer Verein, der auf ehrenamtlicher Basis Menschen, die durch das Netz der Gesundheitsversorgung fallen, auffängt.  Wir wollen diesen Menschen eine qualitative und menschenwürdige Anbindung an die Gesundheitsversorgung bieten. Unser Fokus hat sich in den letzten Jahren verschoben und liegt nun auf „Illegalisierten“. Das sind Personen, die keine Aufenthaltsbewilligung haben – sie sind faktisch gar nicht hier. Jemand, der gar nicht da ist, hat aber weder eine Stimme, noch kann er sich auf die Menschenrechte berufen. Eine normale Gesundheitsversorgung wird diesen Menschen quasi vorenthalten.

Ziel ist es, den Zugang zur Basismedizin zu schaffen, aber auch eine annähernd gleichwertige Behandlung anzustreben.  

Jeder, der lebensgefährlich erkrankt ist, kann natürlich in ein Krankenhaus gehen – aber er läuft eine gewisse Gefahr, dass sein illegaler Status damit bekannt wird und ihm die Abschiebung droht. Viele nehmen daher überhaupt keine gesundheitliche Versorgung in Anspruch. Da gibt es wirklich schlimme Beispiele: Abszesse und Entzündungen, die nicht versorgt werden. Oder Risikoschwangerschaften, die dann zuhause entbunden werden. Durch ein Netz von Ärzten und Kliniken versuchen wir, eine sichere und vor allem anonyme Vermittlung bei Gesundheitsproblemen zu gewährleisten.

 

Wie viele Menschen betrifft das in der Rhein-Neckar-Region?

Bisher gibt es keine belastbaren Daten dazu. Daten von anderen Organisationen, zum Beispiel von der Malteser Migranten Medizin, geben einen ungefähren Aufschluss. Es lässt sich aber kaum sagen, wie viele der Menschen, die erfasst werden, tatsächlich ohne Aufenthaltsgenehmigung sind. Unter die Zahlen fallen nämlich auch solche, die zum Beispiel ihre Krankenversicherung nicht zahlen können. Es gibt jetzt aber den Versuch einer Erhebung von der Versorgungsforschung Heidelberg*. Die Versorgungsforschung möchte bundesweit mit lokalen Vereinen zusammenarbeiten, die oft auf Illegalisierte treffen. Bei einer solchen Zusammenarbeit könnten wir anonym Daten unserer Patienten erheben, um ein ungefähres Bild zu erhalten. Momentan ist MediNetz Teil der Testphase.

Eine unserer zentralen Arbeiten besteht auch darin, genau für diese Probleme überhaupt erst einmal ein Bewusstsein zu schaffen. Bei uns ist es so: Wenn wir krank sind, gehen wir zum Arzt. Niemand kann sich vorstellen, dass eine große Zahl Menschen genau das nicht machen kann, aus Angst, dass ihr illegaler Status bekannt wird und ihnen eine Abschiebung droht.

 

Wie groß ist Euer Team bei MediNetz ungefähr?

Das ist von Monat zu Monat unterschiedlich. Wir haben einen Kern von Studierenden, der sehr aktiv ist. Das sind so um die 20 Leute aus Mannheim und Heidelberg. Im Mailverteiler haben wir insgesamt etwa 70. Einige davon sind allerdings nicht mehr aktiv oder sind nur kurze Zeit bei uns gewesen. Weil wir alle Studierende sind, gibt es auch Zeiten, in denen weniger passiert, Klausurenphasen oder Examensvorbereitung, zum Beispiel.

Unsere Arbeit ist in mehrere Teile geteilt: Die Vermittlung von Patienten und Ärzten und die Kontrolle dieses Ablaufs ist ein ganz wichtiger Teil. Ein anderer Teil ist die politische Veränderung, die wir anstreben, um die bestehende Gesetzeslage zu verbessern. Ein Beispiel ist unser Einsatz zum „anonymen Krankenschein“. Das ist ein Konzept, das sich in einigen Städten Deutschlands bewährt hat. Ein solcher Schein kann in Beratungsstellen abgeholt werden. Obwohl keine persönlichen Daten erhoben werden, kann der Arzt seine Leistungen mit diesem Schein abrechnen, z.B. mit der Stadt. Um die Einführung des anonymen Krankenscheins auch in Baden-Württemberg zu fordern, haben wir ein Positionspapier erarbeitet. Unser Ehrenamt, sagen wir oft, ist uns dabei keine Ehre: Alles, was wir in politischer Hinsicht tun, hat das Ziel, uns am Ende überflüssig zu machen.

Du sprichst neben deutsch arabisch und türkisch. Ihr bietet aber auch Dolmetschende für andere Sprachen an. Wer hilft Euch hier, oder können auch andere aus Eurem Team verschiedene Sprachen?

Wenn ein direkter Kontakt zu einem Patienten besteht, der kein Deutsch und kein Englisch spricht, versuchen wir zunächst, in unseren Kreisen zu suchen. Wir decken in unserem Team schon mehrere Sprachen ab, haben aber früher auch eine Dolmetscherliste geführt. Finden wir niemanden, suchen wir über den Asylarbeitskreis. Das ist aber eigentlich selten der Fall. Häufig brauchen wir überhaupt keine Dolmetscher, weil uns Nachbarn oder Freunde der Betroffenen anrufen.

 

Mit welchen Institutionen arbeitet Ihr zusammen, und wie finden Euch die Menschen?

Wir haben es geschafft, in der Regionalpolitik Fuß zu fassen, und sind darüber sehr froh. Seit 2015 führen wir zum Beispiel Gespräche mit der Gleichstellungsbeauftragten und dem Fachbereich Gesundheit der Stadt Mannheim, sowie mit anderen Akteuren der Region wie der Malteser Migranten Medizin. In den  halbjährlichen Treffen erörtern wir, wie wir den Zugang unserer Zielgruppe trotz der aktuellen Gesetzeslage verbessern können. Wir wollen erreichen, dass EU-Bürger*innen, die unter die Sozialhilfe fallen, ebenfalls erfasst und versorgt werden. Meistens gibt es einen Weg, diese zu versichern. In Mannheim versuchen wir jetzt eine „Clearingstelle“ zu etablieren. Das ist eine Beratungsstelle für EU-Bürger*innen ohne Krankenversicherung. Da wird gezielt gesucht, wie man die Gesundheitsversorgung gewährleisten könnte.

Menschen, die mit uns Kontakt aufnehmen, kommen oft über die Diakonie, die Paritätische, Caritas oder andere Wohlfahrtsorganisationen zu uns. Das sind sicher einige unserer Hauptkontakte. Viele hören aber auch über Mund-zu-Mund-Propaganda vom MediNetz.

 

Ich habe gelesen, dass Ihr auch Vorträge haltet und Diskussionsrunden anbietet. In welchem Rahmen informiert Ihr über MediNetz?

Wir erhalten häufiger Anfragen von Projekten, Vortragsreihen oder Veranstaltungen. Meistens sind das geschlossene Veranstaltungen, auf denen wir uns präsentieren, um auf uns aufmerksam zu machen. Eine andere Möglichkeit für uns sind Benefizkonzerte oder Stände wie zum Beispiel auf dem Stadtfest in Jungbusch. Dann verteilen wir Flyer und sind einfach ansprechbar. Da wir uns komplett über private Spenden finanzieren, sind solche Gelegenheiten für uns sehr wichtig.

Wie viel Zeit wendest Du für den Verein auf?

Das ist unterschiedlich. Wochenweise kaum, dann stehen andere Sachen im Vordergrund.

Dann gibt es Monate, in denen ich komplett eingespannt bin. In denen habe ich das Telefon, es kommen mehrere Anrufe gleichzeitig, ich muss vermitteln und organisieren.

Parallel bin ich dann in den weiteren Projekten, zum Beispiel im Gespräch mit den Kliniken, um schwangeren Frauen eine sichere Entbindung zu ermöglichen. Dann sind da die zeitraubenden laufenden Aufgaben wie die Neugestaltung unserer Website, die ich momentan mit unserem Informatiker plane. Und dann gibt es noch Initiativwochenenden, das sind Schulungen, die wichtig sind für die eigene Weiterbildung. Im Grunde aber ist unsere Arbeit sehr gut aufgeteilt, weil wir viele engagierte Leute sind.

 

Du ergänzt ein forderndes Medizinstudium um ein soziales Engagement. Kannst Du mir Deine Motivation dahinter erklären?

Das ist eine Frage, mit der ich mich viel auseinandergesetzt habe. Den Medizinern unterstellt man gerne ein „Helfersyndrom“, und ich wollte wissen: Ist es das, was mich antreibt? Die Wertschätzung ist ja tatsächlich unglaublich wichtig. Wenn die Wertschätzung ausbleibt, gerade auch von außen, dann kann eine ehrenamtliche, unvergütete Arbeit schnell frustrieren. Deshalb habe ich mir die Frage selbst intensiv gestellt.

Bei mir ist es so: Ich kann nicht ertragen, wenn jemandem sein Recht genommen wird.

Das tut mir leid, und es macht mich wütend. Sein Recht zu verlieren oder sogar weggenommen zu bekommen, muss das Schlimmste überhaupt sein. Hinzu kommt die Erziehung meiner Eltern. Sie haben mir beigebracht, dass ein Mensch nicht nur für sein eigenes Leben verantwortlich ist, sondern dass jeder Mensch auch einen Teil der Leben der anderen mitbestimmt. Und dass es wichtig ist, die Verantwortung auch für andere zu übernehmen, die das nicht komplett für sich selbst können. Nur so kommt eine Gesellschaft voran. Sie haben mir auch beigebracht, dass ich selbst in der muslimischen Gemeinschaft als Vorbild agieren sollte. Und dass aus Privilegien Verantwortung wächst.

 

Hand aufs Herz: Möchtest Du die Welt retten?

Wer möchte das nicht? In den Kreisen, in denen ich mich bewege, möchten das alle. *lächelt* Aber man muss auch einsehen, dass das alleine nicht möglich ist. Und dass es besser ist, sich auf eine Baustelle zu konzentrieren, auch wenn man am liebsten jede Einzelne persönlich bearbeiten möchte.

Ich erinnere mich sehr gerne daran, dass wir schon weit gekommen sind und dass vieles bereits passiert ist. Bei vielen Dingen, die heute noch nicht gut sind, kann man eine Entwicklung absehen – sie sind einfach immer besser geworden, und das macht mich glücklich. Trotzdem ziehe ich gerade dann an dem Ende des Taus, das hoffentlich die Dinge noch weiter bewegt.

 

Was könnt Ihr an Unterstützung gebrauchen?

Da wir keine öffentlichen Spenden erhalten, sind wir immer auf private Spenden angewiesen. Der Verein MediNetz ist aus der Fachschaft Medizin ausgegliedert, wir agieren als eigene Organisation.. Wir selbst arbeiten ehrenamtlich, das heißt, alle Spenden gehen direkt in die Patientenversorgung. Das Geld, das uns Privatleute spenden, entscheidet dann ganz konkret, ob wir jemandem eine Gallenoperation bezahlen können oder das finanziell gerade nicht geht. Das heißt, jeder, der spenden möchte, ist sehr herzlich willkommen! Spendenquittungen dafür gibt es natürlich auch.

Was uns darüber hinaus ausmacht, ist unser Netzwerk an Ärzten. Viele unserer Ärzte sind durch eigene Recherche auf uns zugekommen. Wir haben welche, die Behandlungen komplett umsonst machen, oder sie uns zu einem verringerten Satz anbieten, oder zum Beispiel nur Rechnungen für Laborresultate stellen.

Wenn Du zufällig Arzt bist, dieses Interview liest und Du mit uns kooperieren möchtest: Wir freuen uns über Anfragen! Unsere zukünftigen Patienten werden unglaublich dankbar sein!

 

Mein Freund Johann sagte im letzten Interview: „Wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, wird ein eigenes Engagement unvermeidlich“. Würdest Du dem zustimmen?

Ich denke, der menschliche Instinkt entwickelt durch Gefühle eine Haltung. Er erkennt, dass irgend etwas nicht richtig ist. Und versucht, selbst Hand anzulegen, um etwas zu ändern. Bei mir ist das so, und deshalb würde ich zustimmen.

Umgekehrt möchte ich aber nicht sagen, dass alle Menschen, die nicht handeln, mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Die Gründe, weshalb einige Menschen handeln und andere nicht, sind ganz unterschiedlich. Vielleicht haben sie zum Beispiel ihre Art der Mitwirkung noch nicht gefunden – es gibt ja viele Möglichkeiten.

Dass ich vieles sehe, was ich verändern möchte, ist für mich persönlich allerdings ein großer Motivationsschub.

 

Mohamed, vielen Dank für das Gespräch!

Hier ist ein Bild von zwei Menschen in einem schlecht beleuchteten Lokal zu sehen, die fröhlich in die Kamera lächeln
(Etwas verpixelt wegen einer ungenügenden Kamera: Mohamed Tail und ich.)

(Beitragsbild: MediNetz, Februar 2017.)

 

* Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung an der Universität Mannheim

Ein Gedanke zu „Perspektiven auf soziales Engagement, heute: Mohamed von „MediNetz“

Kommentare sind geschlossen.