Perspektiven auf soziales Engagement, heute: Petra vom Verein „Heimatstern“

Hier ist das aktuelle Team des Vereins Heimatstern abgebildet.

Für den zweiten Blogpost der Reihe „Perspektiven auf soziales Engagement“ habe ich Petra von Heimatstern einige Fragen gestellt. Heimatstern hilft Menschen auf der Flucht. Das neunköpfige Team des Vereins organisiert Hilfstransporte, die zum Beispiel Güter, Lebensmittel und medizinische Ausrüstung nach Griechenland fahren. Die aufwändige Arbeit, die unter anderem aus dem Sammeln von Sachspenden, der Logistik, der Vernetzung von Initiativen unter einander und der Öffentlichkeitsarbeit in Deutschland besteht, wird komplett ehrenamtlich geleistet. 

Heimatstern, seit diesem Jahr offiziell als Verein eingetragen, hat seinen Sitz in München. Die Größenordnung der Hilfe, die das Team um Petra stemmt, ist beachtlich. Deshalb habe ich Petra unter anderem die Frage gestellt, wie ihr Team das Ganze überhaupt schafft. Und natürlich, was sie dazu bewogen hat, sich zu engagieren. Petra und ihre Mitstreiter*innen sind für mich eines der besten Beispiele, wie viel Positives Menschen bewirken können. 

Petra, Du hast vor einiger Zeit mit Deinem Partner die Organisation Heimatstern ins Leben gerufen. Was macht Ihr?

„Wir setzen uns für die Menschen ein, die in Europa auf der Flucht ist. Dazu organisieren wir Hilfstransporte, sammeln große Mengen an Sachspenden, informieren auf Veranstaltungen und helfen mit Spendenaktionen für ganz konkrete Anlässe. Auf unserer facebook-Seite findest Du immer aktuelle Projekte. Den Heimatstern gibt es offiziell als Verein seit 14. Februar 2016. Aktiv waren wir aber schon vor der Vereinsgründung.

Jetzt gerade haben wir ein Milchprojekt für eines der Camps in Nordgriechenland. Da sollen Kinder täglich mit frischer Milch versorgt werden. Außerdem läuft ein Betterplace-Projekt, bei dem es um eine Prothese für einen jungen Afghanen geht, und eine Aktion, bei der wir für 230 Kinder Schuhe besorgen, weil sie vollkommen unzureichendes Schuhwerk haben. Hauptsächlich geht es bei uns um die großflächige Versorgung von Menschen mit Lebensmitteln, Medikamenten und Kleidung. Wir haben seit Februar diesen Jahres 10 Vierzigtonner nach Griechenland geschickt.“

10 Vierzigtonner. Was für Zahlen für einen verhältnismäßig kleinen, komplett ehrenamtlichen Verein! Was hat Euch dazu bewogen, Heimatstern zu gründen?

„Zu der Arbeit mit und für geflüchtete Menschen bin ich im Spätsommer 2015 gekommen. Über Twitter las ich von einem Aufruf der Münchner Polizei, dass am Hauptbahnhof Hilfe benötigt würde. Die ersten Züge mit Geflüchteten haben mich schwer beeindruckt, ich habe sowas noch nie gesehen. Menschen, die völlig erschöpft und zerstört auf dem Boden vor dem Bahnhof lagen, teilweise verletzt und traumatisiert.

Das war der Moment, in dem ich realisiert habe, dass man etwas tun muss.

Leider hat sich die Situation nicht wirklich geändert. Es liegen zwar keine Menschen mehr am Bahnhof in München, aber europaweit brauchen tausende Geflüchtete Hilfe. Viele in so existenziellen Dingen wie Nahrung, Kleidung oder medizinischer Versorgung. Vereine und Initiativen tun ihr Bestes, um die totale humanitäre Katastrophe zu verhindern. Gerade jetzt im Winter.

Wir verstehen uns als Ergänzung zu anderen Freiwilligen, versuchen auch immer im Team mit anderen Organisationen zu arbeiten. Zusammen erreicht man mehr; das ist eine wichtige Erfahrung des letzten Jahres. Wir handeln dabei ein bisschen wie eine Logistikabteilung, bringen große Mengen Material an die Brennpunkte, um dann eine Verteilung vor Ort zu gewährleisten. Darüber hinaus versuchen wir aber bei allen Anfragen an uns zu helfen, auch im Kleinen bei der Ausstattung von Familien hier in Deutschland oder bei Problemen mit Behörden und Fragen der Integration.“

Ihr habt Eurer Hilfe durch die Vereinsgründung einen institutionellen Rahmen gegeben. Wie arbeitet Ihr zusammen?

„Bis zur Gründung hat es eine Weile gedauert, sich in richtiger Besetzung zusammenzufinden und die bürokratischen Hürden zu nehmen. Es gibt bei Heimatstern neun Gründungsmitglieder. Aus der Familie oder dem Freundeskreis gewonnen, oder auch bei der gemeinsamen Arbeit kennengelernt.

Wir sind noch immer neun, allerdings wechselt das zwischendurch etwas. Die Belastung ist bei uns verhältnismäßig hoch und für ein reines Ehrenamt ohne Bezahlung ist die Arbeit auch hart und zeitraubend. Das muss man aushalten bzw. mit Familie und Beruf vereinbaren können. Aber der „harte Kern“ steht und Nachwuchssorgen haben wir eigentlich auch nicht. Wir versuchen die Entscheidungen schnell und unbürokratisch zu treffen, daher sind wenige Mitglieder und ein guter Kontakt untereinander extrem wichtig. Je größer man auch in Struktur und Organisation ist, desto schwerfälliger wird man.“

Als Ihr Heimatstern gegründet habt, war von Anfang an ein ganz schönes Spektrum abzudecken. Wie viel Aufwand ist das heute für Euch?

„Das ist unterschiedlich. Vor großen Transporten sind wir tagelang mehrere Stunden, teilweise auch nachts, in der Vorbereitung. Das ist sehr anstrengend, auch körperlich. Auch sonst sind wir viel unterwegs, holen Spenden ab oder nehmen sie bei uns entgegen. Wir besuchen oft Veranstaltungen, um Menschen zu erreichen und sie über unsere Arbeit zu informieren. Gerade jetzt in der Adventszeit noch mehr als vorher.

Im Normalfall arbeiten wir einige Stunden pro Tag für den Heimatstern. Vor allem beantworten wir Anfragen und E-mails, kümmern uns um Spendenbescheinigungen und Abrechnung. Dazu kommen immer wieder Tage, an denen Spenden sortiert bzw. für einen bestimmten Bedarf gerichtet werden müssen. Das reine, echte „Helfen“ kommt mir manchmal wie ein Nebenprodukt vor, das scheinbar bei all der Kommunikation und Organisation ins Hintertreffen gerät. Umso mehr freue ich mich, wenn ich in der Unterkunft, in der wir auch unser Lager haben, einigen Menschen dringend benötigte Kleidung, Schuhe oder den Kindern Spielsachen geben kann.“

Kennen gelernt habe ich Dich auf twitter vor einigen Jahren, und zwar weil Du Eichhörnchen-Findelkinder aufziehst :). Du setzt Dich auch für bedrohte Tiere ein. Wie schafft Ihr alles, neben Familie, Beruf, Partnerschaft? 

„Wir leben aktuell mit zwei Kindern, acht Katzen, drei Hunden und meiner 82jährigen Mutter – die Reihenfolge ist rein zufällig. Mein Leben war schon vor dem Engagement beim Heimatstern voll, bunt und nie langweilig. Trotzdem hat das Engagement mein Dasein in hohem Maße bereichert. Ich habe definitiv viel gelernt, unter anderem, wie unfassbar viel Zeit man hat, wenn man unnötige und nutzlose Beschäftigungen abstellt oder reduziert. Wir vertun alle so viel Zeit, das realisiert man erst, wenn man versuchen muss in 24 Stunden mindestens doppelt so viel Arbeit unterzubringen.“

Hand aufs Herz, Petra: Möchtest Du die Welt retten? 

„Hallo? Definitiv!“

Aktuell läuft eine von Euch organisierte Spendenaktion auf betterplace. Magst Du kurz erklären, worum es dabei geht? 

Unser momentanes betterplace Projekt ist ein echter Brocken. Es geht um einen jungen Afghanen, der die rechte Hand verloren hat und eine Unterarmprothese benötigt, um hier in Deutschland eine Chance auf ein halbwegs unabhängiges und normales Leben zu haben. Er ist nicht krankenversichert und bekommt keinerlei Unterstützung zur Versorgung des Armstumpfes. Ohne Hand hat er keine Aussicht auf eine Arbeitsstelle, ohne Arbeitsstelle kein Einkommen … Namatullah ist ein wirklich liebenswerter junger Mann und sein größter und einziger Wunsch ist es, „normal“ zu sein. Ein Leben zu leben, das ihm ermöglicht, für sich selbst zu sorgen.

Er hat keine Chance, das alleine zu erreichen, darum haben wir uns entschlossen, ihm ein Forum zu schaffen. Jeder kann sich entscheiden, ob er uns beziehungsweise ihn unterstützen möchte. Wir hoffen sehr, dass wir das schaffen.“

Wenn sich jemand bei Euch engagieren möchte, wie könnte das aussehen? Und welche Fähigkeiten müsste dieser Mensch mitbringen? 

„Wer sich bei uns einbringen möchte, braucht vor allem Humor. Das klingt etwas paradox, ist aber tatsächlich eine sehr wichtige Voraussetzung, um mit dem Stress und auch mit vielen unerfreulichen Momenten und Erlebnissen umzugehen. Außerdem ist es sicher von Vorteil, wenn man Lust hat, sich ständig wechselnden Anforderungen anzupassen. Führerschein ist toll, aber keine Grundvoraussetzung. Mitmachen kann im Grunde jeder, der etwas verändern will. Konkret und jetzt.

Petra, ich danke Dir für das Gespräch und Eure Arbeit bei Heimatstern!

 

(Beitragsbild: Der aktuelle Heimatstern, v.l.n.r.: Michel, Torben, Robert, Petra, Lars mit Kai auf dem iPad, Tilman. Foto: privat. Alle Rechte liegen beim Verein Heimatstern.)