Perspektiven auf soziales Engagement, heute: Johann, Volunteer bei „Sea Shepherd“

In diesem Beitrag beantwortet Johann Fragen zu seinem ehrenamtlichen Engagement. Ich kenne Johann schon seit dem Grundstudium, daher benutze ich gnadenlos seinen alten Spitznamen, um ihn anzusprechen. 🙂 Schon vor der Aufnahme des Studiums war Johann sozial sehr engagiert – gar nicht verwunderlich, dass er heute dem Ehrenamt einen großen Platz in seinem Leben einräumt. facebook sei Dank haben wir beide trotz meiner viel zu häufigen Umzüge seit einer Weile wieder Kontakt. Und seitdem ist mein Stream um jede Menge Bilder und Informationen zur Arbeit der Organisation Sea Shepherd bereichert. Johann erklärt, was die Organisation tut, wie er sich einsetzt, und vor allem: Warum!

 

Jolle, schön, dass ich von Dir wieder mehr lese! Erzähl uns bitte von Deinem Einsatz für Sea Shepherd. Was machst Du und wie viel Zeit benötigt Dein ehrenamtliches Engagement?

„Ich bin seit ca. drei Jahren Volunteer bei Sea Shepherd. Wir wollen die Meere vor der Zerstörung bewahren und die Tiere darin schützen. Die Freiwilligen bei Sea Shepherd fahren zum Beispiel auf Einsätze, um die Treibjagd auf Wale zu verhindern und zu dokumentieren. Dazu gleich noch mehr. Auf einer reinen Schiffskampagne war ich selbst noch nicht. Für eine solche muss man sich mindestens drei Monate frei schaufeln. Kost und Logis an Bord sind umsonst, alles andere wie die Reise zum Abfahrtsort bezahlt man selbst. Auf den Faröer Inseln war ich im letzten Sommer für drei Wochen mit dabei.

Die Arbeit für die Organisation besteht nicht nur aus Kampagnen. Dazu gehören auch Fundraising, Vorträge an Schulen oder in Vereinen, Planung und Durchführung von „Beach CleanUps“, Infostände und Merchverkauf. Im Durchschnitt kostet mich das Engagement drei bis vier volle Werktage und ca 100 – 150 Euro im Monat. Die meisten Events, bei denen wir Info- oder Merchstände haben, sind aber an den Wochenenden.“

Wie kamst Du auf den Gedanken, Dich neben Hund und Erwerbstätigkeit so intensiv ehrenamtlich zu engagieren?

„Den Tier- und Naturschutzgedanken hatte ich schon immer. Meine Kindheit fiel in die Zeit von Tschernobyl und saurem Regen, Ozonloch und bedrohten Tierarten. So war klar, dass mein Engagement sich auf den Umweltschutz konzentrieren würde. Dahinter steht auch der Gedanke, dass ich zwar auch Menschen helfen oder retten könnte, das aber alles für die Katz ist, wenn unser Planet unbewohnbar wird. Wenn Menschen Hilfe benötigen, bin ich aber auch zur Stelle. Im Frühjahr habe ich zum Beispiel einige Zeit in Hamburg verbracht, um zu helfen, die Sea Watch 2 einsatzfähig zu machen.*

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, kann nicht anders – ein eigenes Engagement wird unausweichlich. Egal, in welchem Zusammenhang. 

Ein weiterer, persönlicher Grund für mich war eine ausgeprägte Depression, die mich jahrelang fest im Griff hatte. Ich hatte das Gefühl, völlig nutzlos zu sein, das Leben mit all seinen Möglichkeiten zu verplempern. Durch mein Engagement bei einer sehr aktiven Organisation, mit der wir sichtbare Erfolge vorweisen können, gehören diese schweren depressiven Perioden der Vergangenheit an. Ganz kurz gesagt: Mein Leben hat jetzt einen Sinn.“

Erklärst Du mir, was Sea Shepherd macht?

Sea Shepherd ist eine weltweit agierende Meeresschutzorganisation, die sich in vielen unterschiedlichen Kampagnen für den Erhalt des marinen Ökosystems einsetzt. Alle weltweiten Umweltprobleme spiegeln sich im Ozean – egal ob Überfischung, Überdüngung, CO2-Anstieg in der Atmosphäre oder der ungezügelte Gebrauch von Plastik.

Sea Shepherd verfolgt den Ansatz der „direct action“. Das bedeutet, dass wir nicht neben einem Walfänger herfahren und ein Plakat hochhalten, auf dem wir unser Missfallen ausdrücken, sondern wir stellen uns mit unseren Schiffen direkt zwischen Wal und Harpune, um den Abschuss zu verhindern. Ein Beispiel:

Auf den Faröer Inseln, auf denen ich im letzten Jahr mit Sea Shepherd einen Teil des Sommers verbrachte, betreibt die Bevölkerung seit Jahrhunderten eine Treibjagd auf den ostatlantischen Langflossen-Grindwal. Die Jagd wird als „grindadráp“ bezeichnet, was man am besten mit „Grindwal-Totschlag“ übersetzen kann. Die örtlichen Fischer treiben ganze Schulen von Walen mit kleinen Booten vor sich her und dirigieren sie in so genannte „Tötungsbuchten“. Dort werden sie zum Stranden gezwungen und von der am Ufer wartenden Bevölkerung getötet. So können über 100 Tiere in 10-15 Minuten den Tod finden. Wir waren vor Ort, um die Wale vor den Fischern zu finden, sie von den Inseln fern zu halten und so eine Treibjagd zu verhindern. Sollte dies nicht möglich sein, war es unsere Aufgabe, das Schlachten zu dokumentieren und die Bilder der Öffentlichkeit zu zeigen. Die Waljäger dort sollen sehen, dass ihr Treiben nicht unbemerkt bleibt.

(Video: Sea Shepherd)

Neben den Walschutzkampagnen ist Sea Shepherd weltweit beschäftigt, Umweltkriminalität auf den Weltmeeren zu bekämpfen. Ausgesprochen erfolgreich gelang das beispielsweise mit der „Operation Icefish“ im Südpolarmeer, während derer die Crews der Bob Barker und der Sam Simon – beides Schiffe von Sea Shepherd – eine komplette Wildererflotte ausschalten und 80 Tonnen illegales Stellnetz konfiszieren konnten. Dazu findet sich auch einiges auf der Website.

Jolle, oft sehe ich von Dir Fotos von Müllbergen, die Ihr bei so genannten „Clean Ups“ aus Gewässern fischt. Erzähle bitte etwas darüber.

„Diese „Beach CleanUps“ sind Teil meines Engagements bei Sea Shepherd und eingebettet in eine weltweite Kampagne. Unsere Ozeane sind inzwischen eine reine Plastiksuppe. In jeder Sekunde landet mehr Plastik im Wasser. Und wenn es dort einmal drin ist, schadet es dem Ökosystem in riesigem Ausmaß.

Jeder kennt die Bilder von Meerestieren, die sich in größerem Plastikmüll wie alten Netzen, Sixpack-Ringen oder Plastiktüten verstrickt haben. Diese großen Plastikteile töten unzählige Lebewesen pro Jahr. Mindestens genauso schlimm ist das Plastik aber, wenn es langsam zerbröselt und zu so genanntem „Mikroplastik“ wird. Diese Teilchen sind mit dem bloßen Auge nicht mehr zu sehen, sind aber so zahlreich, dass man inzwischen von einer Art Plastiksmog sprechen kann. An diese kleinen Teilchen binden sich Umweltgifte wie PCB oder DDT. Sie reichern sich an den winzigen Plastikteilchen an, welche wiederum Plankton ähneln oder häufig in Planktonwolken treiben. Diese Planktonwolken bilden den Anfang der marinen Nahrungskette.**

Durch „Beach CleanUps“ können wir zwar nur einen kleinen Beitrag leisten, aber allein in Bremen oder dem Raum Göttingen wurde in diesem Jahr jeweils über eine Tonne Müll von Freiwilligen aus der Umwelt entfernt. Zwar sind wir hier in Göttingen nicht wirklich am Meer, aber auch, indem wir hier die Flussufer säubern, können wir einen wertvollen Beitrag leisten, denn bis zu 80% des Plastikmülls im Meer wird auf dem Festland weggeworfen und durch die Flüsse eingetragen.“

(Johann ganz links nach einem „Beach CleanUp“, bei dem ca. 30 syrische Geflüchtete mithalfen. Foto: Sea Shepherd)

 Was bedeutet das ehrenamtliche Engagement für Dich?

„Es ist wichtig zu wissen, dass ich einen Unterschied mache. Trotzdem bin ich oft wütend, wenn ich sehe, wie ignorant die Menschen sein können. Diese Ignoranz sehe ich nicht nur im unreflektierten Verbrauch von Einweg-Verpackungen oder im achtlosen Wegwerfen von Plastik in die Gewässer. Ich sehe sie auch im übermäßigen Fleischkonsum oder in Echtpelzkragen. Oder in der Politik, wo monetäre Interessen alles andere in den Hintergrund treten lassen.

So wird mir auch immer wieder bewusst, wie groß die Baustelle, die wir Tier- und Umweltschützer aufgemacht haben, ist.

In solchen Momenten überkommt mich der Drang, einfach alles hinzuschmeißen und mich in eine Ecke zu verkriechen. Gott sei Dank habe ich gute Freunde und Mitstreiter gefunden. Wir fangen uns gegenseitig auf, wenn der Blick in die Zukunft mal wieder düster ist und motivieren uns, weiter zu machen.

Dieses Überwinden von Niederlagen, das Kämpfen und das Durchhalten haben mich sehr stark werden lassen. Das ist ein gutes Gefühl.“

Hands aufs Herz: Möchtest Du die Welt retten?

„Ja. Dringend.“

 Was würdest Du einem Menschen sagen, der sich für einen guten Zweck einsetzen möchte?

„Tu es!

Wenn Du nicht weißt, wo Du anfangen sollst – fang da an, wo Du stehst. Jeder kann sein Konsumverhalten überdenken. Unsere Art zu konsumieren hat Auswirkungen auf die Lebensumstände sowohl vieler Menschen als auch Tiere. Das gilt insbesondere für Kleidung, Einwegverpackungen und den ungezügelten Konsum tierischer Lebensmittel. Hier haben wir also einen guten Ansatzpunkt für jeden.

Es gibt keine plausiblen Ausreden. Gerade wir Menschen der „ersten Welt“ müssen uns ändern, wenn die Zukunft für unsere Kinder und Enkel noch lebenswert sein soll.“

Jolle, herzlichen Dank für Deine Antworten, und Deine Einblicke in die Arbeit der Organisation Sea Shepherd! Und natürlich ganz herzlichen Dank für Deinen Einsatz!

(Dieses Bild musste unbedingt noch in den Beitrag, nachdem ich es gesehen hatte. Johann mit Kamera auf den Faröer Inseln)

 

*Anmerkung: Die Sea Watch 2 ist eines der Schiffe, die auf dem Mittelmeer die Geflüchteten vor dem Ertrinken retten.

** Der Film A Plastic Ocean zeigt das, was Johann erklärt, erschreckend anschaulich.

(Bilder: Johann Santen, Sea Shepherd)

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